Montag, 13. Oktober 2014

Zur Debatte um die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" in Bildungsplänen


Wie Anfang des Jahres in Baden-Württemberg, so wird jetzt auch in Niedersachsen über einen neuen Bildungsplan beraten, bei dem die Anerkennung „sexueller Vielfalt“ einen deutlicheren Stellenwert bekommen soll und auch hier versuchen die üblichen „besorgten Bürger“ Front dagegen zu machen.



Dabei sind besonders die Unterstellungen aufgefallen, als sollten die Kinder in eine Richtung beeinflusst werden, die sie sonst im späteren Leben nicht einschlagen würden, als ginge es bei sexuellen Orientierungen um sexuelle Praktiken und als fände eine Indoktrination im Dienste einer neuen Ideologie statt, ein Vorwurf, der typisch ist für dieses Spektrum, wenn die etablierte Politik ihrer eigenen „Ideologie“ zuwiderläuft.


Schon seit einiger Zeit hat sich in dem Bereich des Rechtskonservatismus mit christlich-fundamentalistischem Einschlag, der sich als liberal oder gar libertär ausgibt, so in Plattformen wie eigentümlich frei und Freie Welt die Rede von einem neuen Totalitarismus herausgebildet, bezogen auf jegliche Maßnahmen gegen Diskriminierungen, insbesondere gegen die immer noch in der Gesellschaft latent vorhandene Diskriminierung homosexueller Menschen. Die grundsätzliche libertäre Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen in die Gesellschaft wird hier so weit getrieben, dass man in der medialen Präsenz des Themenkreises Homosexualität und staatlichen Maßnahmen wie Gleichstellung der Homo-Ehe, Diskriminierungsverboten und eben auch die explizite Gleichbehandlung von Homo- und Heterosexualität im Schulunterricht eine Umerziehung der Bevölkerung im Dienste einer totalitären Ideologie sieht.
      Der Totalitarismusvorwurf geht von einer merkwürdigen Ausweitung des Begriffs vom Totalitären aus. Denn das „Regime“, unter dem wir demnach jetzt zu leiden haben, wäre dann eines, das sich darauf beschränkt, das Akzeptieren verschiedener Lebensweisen als gleichwertig einzufordern. Aber ein Totalitarismus zeichnet sich eben dadurch aus, dass er zur aktiven Unterstützung auffordert und Abweichler und Verweigerer ausgrenzt. Dies wäre im Rahmen dieser Thematik etwa gegeben, wenn religiöse Gemeinschaften, die ihren Mitgliedern Homosexualität verbieten und sich auf diese interne Anweisung beschränkt, mit Schikanen und Verboten zu rechnen hätten. Dies ist bisher aber gerade nicht der Fall. Die Regierung weist lediglich das Ansinnen von religiösen Gruppierungen zurück, das darin besteht, eine religiös begründete Moral zur Norm für alle, auch die nichtgläubigen, Bürger zu erheben. Gerade dies wäre ein totalitärer Machtanspruch. Religionsgemeinschaften haben selbstverständlich das Recht, für ihre Anhänger Normen aufzustellen, weil es jedem frei steht, dort Mitglied zu sein oder nicht. Aber eine Einflussnahme auf die Gesetzgebung, die alle Bürger betrifft, muss eine moderne weltanschaulich plurale Gesellschaft zurückweisen. Es steht ihnen frei, innerhalb ihrer Gemeinschaften die Heterosexualität als Norm zu propagieren, nicht aber mehr dies als allgemeine Norm einzufordern. Nur dann, wenn der Staat sich in die internen Angelegenheiten von religiösen Gruppen einmischen würde, wären solche Klagen, wie sie hier ertönen, berechtigt. Es fällt auf, dass das evangelikale Spektrum sich nur bezogen auf die Sexualität in die Politik einmischt und dabei so tut als wäre es dabei von Verfolgung bedroht, obwohl ihm lediglich verwehrt wird, seine Vorstellungen anderen aufzuzwingen.
 
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     Eine AFFP meinte enthüllen zu müssen, dass ab 1h 50 min in dieser Aufzeichnung einer Landtagsfraktionssitzung der Grünen die Rede ist von dem „verheerenden Einfluss der Kirchen, die alles verwässern, was wir vorhaben.“      
         Wenn diese etwas drastische Äußerung für die evangelikalen Kreise eine Enthüllung darstellt, heißt das offenbar, dass manche nicht verstanden haben, dass in einer Demokratie die gewählte Legislative die Gesetze macht und Kirchen grundsätzlich nicht ein Mitspracherecht beanspruchen können. Dass man es auf beiden Seiten überhaupt noch als Normalfall empfindet, dass die großen Kirchen bei der Erstellung von Bildungsplänen ein Wörtchen mitzureden hätten, ist der eigentliche Skandal. Und das auch noch, wo sich zeigt, dass die großen Kirchen gar nicht der Hauptakteur bei den Protesten sind, sondern dass sie nur auf einen Zug aufspringen, der von einer Minderheit geführt wird, die man offenbar nicht verlieren möchte.
 
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      Bei nüchterner Betrachtung ist nun ganz offensichtlich, dass die Verfasser der Petition es sind, die indoktrinieren wollen. Denn sie wollen, dass vor den angeblichen Gefahren homosexueller Lebensweisen gewarnt wird anstatt dass nur deren Existenz neutral dargestellt wird. Also sie sind es, die eine weltanschaulich vorgefasste Position zur Richtschnur für die Schule erheben wollen. Auch der Begriff der Umerziehung passt eher zu den im evangelikalen Bereich verbreiteten Projekten der „Heilung“ Homosexueller. Durch die im Bildungsplan angestrebte Behandlung der verschiedenen sexuellen Orientierungen im Unterricht ist es dagegen völlig abwegig, zu vermuten, wie die Kritiker es tun, dass ein Jugendlicher in seiner sexuellen Orientierung verunsichert wird, sondern nur dass er eher bereit ist sich zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen, wenn sie nicht die der Mehrheit ist. Es scheint also so zu sein, dass die Gegner des Bildungsplans genau letzteres schon als „moralische“ Umerziehung verstehen, weil sie es dann noch schwerer haben werden, ihre Anschauung, dass es sich bei den von ihrer Norm abweichenden sexuellen Orientierungen um Krankheiten handelt, zu verbreiten. Dass sie es nun überhaupt so darstellen können, dass die andere Seite eine neue Norm durchsetzen will und sie nur darauf reagieren, liegt einfach daran, dass ihr Lager es Jahrhunderte lang gewohnt war, flächendeckende Indoktrination zu betreiben, so dass schlichteren Gemütern dies gar nicht auffällt, sondern als Normalfall gilt.  In der niedersächsischen Petition haben die Initiatoren nun ganz geschickt auf die tiefere Motivation in der Begründung verzichtet und stellen die vernünftige Forderung, dass Sexualität privatsache sein soll, aber in Verbindung mit der Unterstellung, dass durch die neuen Bildungspläne dies in Frage stehe.

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Bei den „eigentümlich Freien“ ist die anti-etatistische  Haltung nur ein Vorwand, was man schon daran sehen konnte, dass sie keineswegs sich nur gegen staatliche Maßnahmen der Antidiskriminierung wenden, sondern auch gegen das Outing von Hitzelsberger und gegen den Auftritt von Conchita Wurst.
     Wer sich durch so etwas Selbstverständliches in seiner Freiheit bedroht sieht, kann eigentlich kein anderes Motiv haben als dass er die betroffenen Gruppen diskriminieren will. Bereits Hitzelsbergers Outing galt dort als „Gipfel der Indoktrination“.  Alleine die Tatsache, dass in den letzten Jahren ein Klima geschaffen wird, in dem Homosexuelle sich nicht mehr verstecken müssen, sondern zu ihrer Lebensweise so stehen können wie Heterosexuelle zu ihrer, wird als Umerziehung verstanden.

     Besonders bei den teilweise erzkatholischen eigentümlich-frei-Schreiberlingen dient der Totalitarismusvorwurf in erster Linie dazu, den Spieß umzudrehen und von dem eigenen Scheiterhaufengeruch abzulenken. Denn das gegenwärtige „System“ – der Gender-Ideologie oder wessen auch immer -  verlangt nur, die Gleichwertigkeit anderer sexueller Orientierungen zu akzeptieren und die Gleichbehandlung ihrer Träger zu gewährleisten, das heißt in der Tat mehr als nur sie zu tolerieren, also am Leben zu lassen, aber nicht wie manche sagen, die andere Orientierung für sich selbst zu übernehmen. Wenn das Indoktrination ist, dann ist es auch Indoktrination, die Kinder zum Respekt vor Menschen anderer Hautfarbe zu erziehen. Denn auch dies ist ja etwas, was nicht erzwungen werden kann, sofern man keine Gesinnungsprüfungen vornehmen will, aber dennoch ist es bei diesem Beispiel Konsens, dass es möglich und sinnvoll ist, ein Klima zu schaffen, das Respekt fördert und Respektlosigkeit ächtet. Nichts anderes soll bei dem Bildungsplan nun auch bezogen auf die sexuellen Identitäten angestrebt werden. Die Ablehnung homosexueller Lebensweisen wäre zwar grundsätzlich durch die Meinungsfreiheit gedeckt – die Gegner des Bildungsplans wollen offenbar darauf hinaus, dass diese ihre Meinung genauso toleriert werden muss wie die homosexuelle Lebensweise auch – jedoch kann dies nur als Privatmeinung geduldet werden, etwa im Rahmen evangelikaler Zirkel, als öffentlich verbreitete Meinung hat es aber Auswirkungen auf die Betroffenen, die es durch den Bildungsplan und die Politik dahinter abzuwenden gilt. Die Beschränkung auf bloße Toleranz statt Akzeptanz kann es nur bezogen auf Meinungen geben aber nicht bezogen auf Veranlagungen. Für Homosexuelle muss es unangenehm sein, in einer Gesellschaft zu leben, die sie zwar toleriert, also leben lässt, sie darüber hinaus aber spüren lässt, dass sie nicht erwünscht sind. Vor diesem Hintergrund der Unterscheidung zwischen selbstgewählten Meinungen und  biologischen Dispositionen sind auch die Retourkutschen, die den Toleranzpredigern nun Intoleranz vorwerfen, zu betrachten: Die Tolerierung von religiösen Gemeinschaften, die ihren Mitgliedern Homosexualität verbieten, wird von niemandem infrage gestellt, wohl aber will die progressive Politik den Einfluss solcher Gemeinschaften auf die übrige Gesellschaft brechen. Obwohl dies in einer offenen Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird es von den Reaktionären geradezu als geheime Verschwörung zur Umerziehung des Menschen dargestellt.
     Die geistigen Vorläufer der heutigen reaktionären Polemiker, insbesondere von katholischer Seite, forderten dagegen sehr wohl unter Androhung von Folter und Tod von jedermann die Übernahme ihres Glaubenssystems und die totale Ächtung anderer sexueller Orientierungen. Wenn der Begriff des Totalitarismus einen Sinn hat, dann war das „Mittelalter“ das totalitäre System schlechthin und die kurzlebigen modernen Totalitarismen nur ein schwacher Abglanz davon.
     Der Mainstream des traditionellen Christentums, wie ihn gerade die evangelikale Strömung mit ihren Freikirchen und freien Gemeinschaften verkörpert, ist wie Judentum und Islam eine Gesetzesreligion. Das heißt, dass Dinge deshalb gut oder schlecht sind, weil sie im offenbarten Gesetz so festgelegt sind. Demnach ist Homosexualität schlecht, weil Gott es gesagt hat und aus dem gleichen Grund sind Diebstahl und Mord schlecht. Wenn also das Verbot der Homosexualität in Frage steht, dann gibt es in der Psyche solcher Menschen gar keine ethische Orientierung mehr. Die Säkularisierung, also die Trennung von Staat und Religion und die Überlassung weltanschaulicher Fragen ins individuelle Ermessen trägt von daher zu mehr ethischer Eigenverantwortung bei.

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     Wie gewisse Vertreter der Grünen angesichts der Hetze und Unterstellungen, die ihnen aus dem christlich-reaktionären Lager entgegenkommt,  glauben sich gegenüber diesem rechtfertigen und beschwichtigen zu müssen, konnte man in der heißen Phase der Diskussion besonders hier sehen:
     Dass Volker Beck sich zu solchen Beschwichtigungen hergibt, ist beschämend. Die Evangelikalen können im politischen Bereich kaum etwas anderes als Stunk machen, wenn es irgendwie um Sexualität geht, in dem Sinne, dass sich abzeichnet, dass ihre Moralvorstellungen nicht mehr als für die ganze Gesellschaft verbindlich vermittelt werden.
Das bedarf keines Dialoges, sondern klarer Zurückweisung. Volker Beck sei gesagt, dass er sich nicht dafür rechtfertigen muss, dass er für die Akzeptanz der Gleichwertigkeit hetero- und homosexueller Lebensweise streitet, schon gar nicht gegenüber Vertretern einer fundamentalistischen Minderheit, die mit Hetze und Verdrehungen versucht, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Dass er betont, in der Beschneidungsdebatte sei er klar auf der Seite der Religionsgemeinschaften gestanden, ist dabei bezeichnend, denn wer nichts gegen die Verstümmelung des Kinderpenis einzuwenden hat, hinter der sich nach Erkenntnissen der Psychoanalyse nichts anderes verbirgt als die unbewusste Kastrationsdrohung, der kann auch nicht glaubwürdig für sexuelle Freiheit eintreten.
     
      Ebenso machte beim SWR-Nachtcafe der Bildungsminister Andreas Stoch deutlich, dass es auch ihm und der Landesregierung weiterhin um die Förderung von Ehe und Familie geht.
Es ist also offensichtlich, dass das rot-grüne Spektrum keineswegs vorhat, die Förderung von Ehe und Familie aufzugeben. Entsprechend kann es die unverschämten Anwürfe des reaktionären Mobs nicht mit der notwendigen Härte zurückweisen. Dabei wäre es in einer ernsteren Debatte auch an der Zeit, ob es überhaupt Sache des Staates sein kann, Familienleben und Geburten ausdrücklich zu fördern. Das betrifft auch die Kritik am Bildungsplan, die sich daran festmacht, dass künftig die sexuellen Minderheiten zu viel Gewicht bekommen, aber nicht mehr der Wert der Familie ausdrücklich vermittelt wird. Da ist zu fragen, warum denn das, was ohnehin die Mehrheit tut, besonders propagiert werden muss oder gar im selben Kontext wie der Respekt gegenüber Minderheiten behandelt werden muss. Denn die Mehrheit lebt weiterhin im heterosexuellen Familienzusammenhang und wird auch weiterhin so leben, weil wie diese Leute es ja selbst sagen, dies die Natur der Mehrheit ist. Also muss man sagen, dass es dafür keiner staatlichen Förderung bedarf, für den Schutz von Minderheiten, die sonst von Diskriminierung bedroht wären, allerdings schon. Insofern ist es also eigentlich ganz einfach zu verstehen, warum eine Randgruppe eine überproportionale Aufmerksamkeit in solchen Richtlinien bekommt.
    Gegen diese Bevormundung haben die Reaktionäre natürlich nichts, auch dann nicht wenn sie sich wie die Eigentümlich-frei-Fraktion ein hyperliberales, gar anarchistisches Image geben. Man sieht also: von Bevormundung und gar von Totalitarismus schwätzen diese Reaktionäre nur, wenn ihre eigenen Wahrheiten betroffen sind, und zwar nicht etwa, weil die freie Religionsausübung strengreligiöser Gemeinschaften, nicht mal die Existenz entsprechender Privatschulen bedroht wäre, sondern nur weil ein gesellschaftliches Klima geschaffen wird, in dem der eigene „Lebensstil“ nicht mehr der Standard ist, sondern nur noch eine von vielen Möglichkeiten, weil also die von ihnen jahrhundertelang ausgegangene Bevormundung des Volkes jetzt langsam aber sicher gebrochen wird.
      Wenn es um Bevormundung geht, sollte man sich klarmachen, dass alleine schon in der Etikettierung von Homosexualität und/oder Transsexualität als krankhaft, die größtmögliche Bevormundung in diesem Bereich liegt. Birgit Kelle verwies zur Rechtfertigung einmal darauf, dass die Transsexualität weiterhin von der WHO in der Liste der Krankheiten geführt wird. ( http://www.focus.de/familie/schule/unterricht/report-muessen-kinder-alles-wissen_id_3552105.html ) Das mag sein, aber ebenso gut, ließe dies die WHO im kritischen Licht erscheinen, die immerhin auch die männliche Beschneidung für empfehlenswert hält. Jedoch muss einmal gefragt werden, ob es in einer freien Gesellschaft eigentlich legitim sein kann, Menschen unabhängig von ihrer eigenen Einschätzung nur wegen gewisser Vorlieben als krank einzuschätzen. Krankheit kann nur als eine Beeinträchtigung verstanden werden, unter welcher der Betroffene selbst leidet oder die im Zusammenhang mit anderen so offensichtlich ist, dass es nicht mehr auf das subjektive Empfinden ankommt, um von einer Beeinträchtigung zu sprechen. Wenn angeblich Homosexuelle unter ihrer Neigung leiden, dann ist es zumindest naheliegend, dass dies an der fehlenden Akzeptanz liegt und an der Wirksamkeit der Pathologisierung. Das oft zu hörende Argument schließlich, dass die Homosexualität schon deshalb eine Beeinträchtigung sei, weil sie die Fortpflanzung ausschließe ist auch falsch, da sie genau genommen nichts mit Unfähigkeit zur Fortpflanzung zu tun hat.      

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Es ist klarzustellen, dass der Respekt vor Minderheiten jeder Art nur auf freiwilliger Basis erreicht werden kann. Dies kann aber kein Argument gegen eine solche Zielsetzung in der Pädagogik sein. Denn dies gilt wie gesagt für jede aufrichtige ethische Haltung. Dennoch kann ein Klima geschaffen werden, das diesen Respekt fördert, so wie die Gegenseite in den vergangenen Jahrhunderten ein gegenteiliges Klima geschaffen hat, mit dessen Folgen wir heute fertig werden müssen.
      Was hieße denn die Etablierung der „Gender-Theorie“ in der  Pädagogik anderes als dass die Festlegung auf traditionelle Geschlechterrollen nicht mehr vermittelt wird und dass auch klar dazu ermutigt wird, nicht den traditionellen Rollenklischees entsprechen zu müssen. Wie viele Menschen sich nun tatsächlich dazu entscheiden, nicht der traditionell ihrem biologischen Geschlecht zugeschriebenen Rolle zu entsprechen, wird eben die Zukunft zeigen. Wer aber alleine diese Möglichkeit als etwas zutiefst Bedrohliches empfindet, zeigt doch nur, dass in Wirklichkeit er den Menschen vorschreiben will wie sie zu leben haben, nämlich den traditionellen Geschlechterrollen entsprechend.
     Dabei muss ja auch bedacht werden, dass, wenn bei Schulkindern schon früh „schwul“ das beliebteste Schimpfwort ist, es eben nicht nur um wirkliches Schwulsein geht, sondern dass sich dies gegen alles richtet, was nicht den Klischees harter Männlichkeit entspricht. Dies deutet darauf hin, dass die Anerkennung von Homosexualität als Realität eng zusammenhängt mit der Überwindung starrer Geschlechterrollen.
     Alles in allem lässt sich also feststellen, dass mit diesem Wandel ein Weniger an Bevormundung verbunden ist. Dies muss allerdings eine Zumutung für diejenigen sein, die es bisher immer gewohnt waren, dass ihre Anschauung die Normen für die Gesellschaft vorgibt. Dieser Wandel zur Akzeptanz der „sexuellen Vielfalt“ und der Relativierung von Geschlechterrollen kann wie gesagt nicht durch Lehrpläne und staatliche Maßnahmen erzwungen, sondern nur durch Bewusstseinsarbeit gefördert werden. Wenn er einmal da ist, kann er allerdings auch in die Pädagogik und in die Gesetzgebung einfließen. Es spricht ja auch manches dagegen, dass die Initiatoren der Petition wirklich für eine Mehrheit oder für eine breite Basis in der Bevölkerung sprechen. Wer diese Bewusstseinsarbeit nun für sich schon als Manipulation und Indoktrination mit dem Ziel der Machtausübung geißeln will, muss bedenken, dass dies dann auch auf das erfolgreiche Missionieren bei den heutigen Weltreligionen zutrifft.

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Es kommt in diesem Artikel die Bildungsferne zum Vorschein, was wohl auch kaum verwunderlich ist, die Psychoanalyse scheint wohl unbekannt zu sein, wenn bei dem Begriff der kindlichen Sexualität an Kinderschändung gedacht wird. Die Argumentation, Kinder würden durch zu frühe Aufklärung größerer Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt ist auch entweder dummdreist oder ideologisch verblendet: Es liegt doch wohl eher nahe, dass ein Kind sich besser wehren kann, wenn es weiß, was vorgeht. Das Vorenthalten dieses Wissens wird dagegen ein stetes Misstrauen im Kinde gegen die Erwachsenen hervorrufen und alles was mit der Sexualität zusammenhängt als unheimlich erscheinen lassen. Natürlich kommt es auf die altersgemäße Vermittlung an, aber was altersgemäß ist, sollte den Experten überlassen werden.
     Dass den Eltern das Recht auf Erziehung beschnitten wird, ist auch ein demagogisch wirksames, aber absurdes Argument. Denn bei allen anderen Unterrichtsinhalten käme auch keiner auf die Idee, das Recht der Eltern bedroht zu sehen. Für die reaktionären Kreise ist es offenbar eine Zumutung, dass ihre Kinder in der Schule etwas anderes hören könnten als in der Familie oder in der Gemeinde. Nur gibt es denn ein Recht darauf sich diesem Dilemma zu entziehen? In einer pluralistischen Gesellschaft kann man davon ausgehen, dass es in allen möglichen Fragen Gruppen gibt, die mit der Mehrheitsmeinung, die sich auch im Schulunterricht niederschlägt, nicht übereinstimmen. Hinter dem Willen daraus ein Recht auf Schulverweigerung abzuleiten, steht in Wirklichkeit der Wille zur eigentlichen Indoktrination, wenn man den Kindern nicht zubilligt, selbst zu entscheiden, ob sie später den Weg ihrer Eltern oder einen anderen gehen wollen. Sexuelle Aufklärung kann  nicht nur Sache der Eltern sein, denn es kann nicht sein, dass Kinder hier ganz abhängig von dem sind, was ihre Eltern zufällig denken.
         Wenn von der Sexualisierung der Kinder gesprochen wird, was heißen soll, dass eine angeblich zu frühe Sexualaufklärung bereits in der Nähe des sexuellen Missbrauchs anzusiedeln sei, dann geht es wohl eher darum, die Sexualität vor der Ehe möglichst zu verhindern.
       Birgit Kelle in der Diskussion bei Maischberger und auch viele andere führen an, dass es wohl richtig sei, den Kindern zu erklären, was z.B. „schwul“ bedeutet, aber unangemessen die Kinder etwa im Grundschulalter ungefragt mit solchem Wissen zu behelligen. Das hört sich noch halbwegs vernünftig an, ich meine aber, dass es der Realität nicht gerecht wird. Diese scheint heute darin zu bestehen, dass die Kinder gewisse Tatsachen und Wörter viel früher aufschnappen als sie von Eltern und bisher der Schule darüber aufgeklärt wurden, was auf sie gerade verstörend wirken muss und eine rechtzeitige sachgemäße Aufklärung besser ist.

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   Es  ist eine unglaubliche Unterschätzung, dem reaktionären Spektrum zu unterstellen, es würde befürchten, dass Kinder zu Schwulen erzogen werden oder sie hätten generell Angst vor Schwulen. Wäre es so, dann würde es sich um klinische Paranoiker handeln, die man nicht weiter ernst nehmen muss. Es geht denen, die sich als Verteidiger des „christlichen Abendlandes“ inszenieren, darum, dass sie weiterhin ihre Werteordnung der Gesellschaft aufzwingen können. Dem ist mit entschlossener Aufklärung entgegenzutreten, ein Einknicken vor ultrakonservativen Religiösen, egal welcher Religion, darf es nicht geben. Diese wissen, dass ihre von ihnen als totalitäre Ideologen geschmähten Feinde sie am Leben lassen, …


Zu der Diskussion, ob über bloße Toleranz hinaus auch Akzeptanz gefordert werden kann:
       Toleranz kann es nur gegenüber Meinungen geben. Die Existenz von Personengruppen, die als Tatsache nicht zu ändern ist, erfordert Akzeptanz, wenn man diese Gruppe nicht beleidigen will. Es ist naheliegend, dass es für Homosexuelle kein zumutbarer Zustand ist, in ihrer Umgebung nur geduldet, aber nicht anerkannt zu sein. Dass die Akzeptanz als persönliche Haltung nicht erzwungen werden kann, versteht sich von selbst. Wohl aber ist es legitim, dass die Schulbildung Leitbilder darüber festlegen kann, was akzeptiert werden sollte und was nicht.
      Toleranz ist, dass unser angeblich totalitäres System die Verbreitung von Meinungen, die sich gegen ebendiese Akzeptanz aussprechen, nicht verbietet und die Gegner der Genderpolitik nicht in Arbeitslager sperrt, was umgekehrt deren politischen Freunden in Russland gegenüber den Fürsprechern der westlichen Genderpolitik locker sitzt. Da es inzwischen den Anschein hat, dass der kalte Krieg mit neuen Ideologemen wieder da ist, könnte man schon die Anti-Gender-Aktivisten als fünfte Kolonne Moskaus bezeichnen.
       Sie sprechen von Umerziehung, weil mit der Akzeptanz nichttraditioneller Lebensweisen etwas an sich Selbstverständliches vermittelt werden soll und auch, weil in Zukunft darauf hingewirkt werden soll, dass den Kindern nicht mehr ein Verhalten nach traditionellen Geschlechterrollen als Norm vermittelt wird, dass nicht mehr selbstverständlich gilt, dass Mädchen zarte Püppchen und Jungen harte Kerle sein müssen. Dabei ist eigentlich nicht entscheidend, was natürlich ist. Der Mensch ist nicht einfach ein Naturwesen, sondern kann seine Identität weitgehend selbst bestimmen. Insofern ist es wichtig, dass die Auflösung fester Geschlechterrollen in der Gesellschaft politisch gewollt ist. Ob die Mehrheit der Menschen doch von Natur her dazu neigt, sich gemäß den traditionellen Geschlechterrollen zu verhalten, ließe sich eigentlich erst feststellen, wenn in der Erziehung und in Öffentlichkeit keine Geschlechterrollen mehr als Norm vermittelt werden.
      Auf Zuwanderer bezogen wäre Toleranz die vorübergehende Duldung, Akzeptanz wäre die Anerkennung als gleichberechtigte Mitbürger. Das ist ja aber der Punkt, dass die Reaktionäre meist eine insgesamt, d.h. ethnisch, religiös, sexuell etc. homogene Gesellschaft anstreben, in der alles Andersartige nur gnädigerweise geduldet, aber nicht als voll gleichberechtigt anerkannt werden kann.
Es ist schon eine Zumutung, dass man überhaupt ernsthaft auf diese Umerziehungshysterie eingehen muss. Denn dass die Verteidiger des christlichen Abendlandes, die offen in einer Tradition stehen, die etliche Völker mit Feuer und Schwert umerzogen hat, es nun als totalitäre Umerziehung bezeichnen, wenn sie ihre flächendeckende Indoktrination nicht mehr praktizieren können, staatliche Einrichtungen inzwischen andere Werte propagieren und sie überhaupt mit harschem Widerspruch rechnen müssen.

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