Samstag, 30. April 2016

Zur Feminismusdebatte nach den Sylvestervorfällen



Nachdem die rechtskonservativen Kreise anfingen, die Sylvestervorfälle für ihre Zwecke zu missbrauchen und Birgit Kelle sofort nach Bekanntwerden zu einem Rundumschlag gegen den Feminismus ausgeholt hat, indem sie ironisch beklagte, dass es noch keinen #aufschrei gegeben habe, droht, eine Debatte zu entstehen, in der eine Seite den islamischen Sexismus zum Anlass nimmt, der anderen eine Beschwichtigung und zweierlei Maß vorwirft und die andere diesen Vorwurf nur ungeschickt zurückweist und ihn damit teilweise zu bestätigen droht, wofür leider die Initiatorin des damaligen #aufschei Anne Wizorek steht, im Unterschied zu Alice Schwarzer, die im Prinzip die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat. Daher ist es wichtig daran zu erinnern, dass es ohne den Feminismus und „Genderismus“ der jüngeren Zeit keine größere Debatte über und Ächtung von sexueller Belästigung geben würde.
Es ist auch immer wichtig zu betonen, dass der #aufschrei vor drei Jahren sich nicht speziell gegen Rainer Brüderle richtete, sondern dieser nur vielleicht ungeschickterweise den Anlass bot und es vielmehr darum gegangen ist, Erfahrungen mit dem Sexismus aller Art zu sammeln, sowohl dem wirklich übergriffigen als auch dem unterschwelligen. So müsste zurückgefragt werden, worüber sich diejenigen jetzt aufregen, die vorher noch  wie Birgit Kelle rieten, die Bluse zuzumachen, also demselben Schema folgten, dass prinzipiell auch hinter der islamischen Verschleierung steht und von muslimischer  Seite  mit dem Gleichnis von der Antilope und dem Löwen so glänzend zum Ausdruck gebracht wurde. Siehe hier.

Hamed Abdel Samad hat im Cicero den Zusammenhang zwischen restriktiver Sexualmoral und Neigung zu sexueller Gewalt richtig dargestellt. Dabei muss allerdings auch daran erinnert werden, dass dies für jede sexualrepressive Religiosität gilt. Als sich die entsprechende Einsicht in Bezug auf die katholische Sexualmoral bei der Missbrauchsdebatte verbreitete, wurde dies von gewissen Leuten zurückgewiesen und dagegen gehalten, dass die Lockerung der Sexualmoral seit den 60er Jahren verantwortlich sei. Auch hier werden sich also gewisse Konservative, die sonst keineswegs von einer lockeren Sexualmoral angetan sind und als Mittel gegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch nur noch strengere Sexualnormen und Tabus fordern, nur sehr begrenzt auf Hamed Abdel Samad berufen können.
Ebenso wurde der Zusammenhang zwischen Islam und Frauenverachtung auch von radikal-linker, hier trotzkistischer, Seite in der Linken Zeitung dargestellt: Hier und hier.


Jedoch in dem leider in linken Kreisen maßgeblichen Magazin Konkret jedoch wurde (im Februar) jetzt in heuchlerischer Weise die ganze Debatte um die Sylvestervorfälle als rassistisch abgetan, einfach nur weil es Deutsche sind, die über andere Kulturen nachdenken. Wenn es um Israel geht, wird dort aber genau ein solcher anti-arabischer Rassismus propagiert, weil dort die Araber die eigentlichen Deutschen seien; auch wenn es noch Unterschiede zu dem harten Kern der Antideutschen um Bahamas, die durchaus den Muslimen auch in Europa misstrauen. Es ist das genaue Gegenteil von dem was Jürgen Elsässer und andere sogenannte Querfrontler, also rechte Antiimperialisten auszeichnet, die Sympathie für bestimmte Muslime im Kampf gegen das Imperium haben, sie aber nicht im eigenen Land wollen.

Auf derartige Irrtümer, die innerhalb des progressiven und feministischen Spektrums Einfluss zu nehmen drohen, hat auch Sebastian Müller von Le Bohemien hingewiesen.


Es wird verlogen und schief, wenn die Debatte denen überlassen würde, die  aus reaktionären Motiven den Sexismus der Mehrheitsgesellschaft leugnen und solche Vorfälle nur zum Anlass nehmen sich gleichzeitig in ihrem Hass auf den Feminismus und die Einwanderung zu bestätigen und denen, die den  besonderen Sexismus anderer Kulturen leugnen.
In der Tat kann es nicht sein, dass es eine Deutungshoheit bei den Kräften gibt, die bisher den Kampf gegen Sexismus lächerlich gemacht haben und Geschlechternormen befürworten, wie sie noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts galten und die sich nur graduell von den islamischen unterscheiden, so wurde ja erst 1997 gegen diese konservativen Kräfte durchgesetzt, dass Vergewaltigung auch in der Ehe ein Straftatbestand ist. Wo sich das Frauenbild der islamischen Welt schon grundsätzlich unterscheidet, ist eine andere Frage, die auf einer anderen Ebene liegt, jedenfalls nicht in dieser Hinsicht, dass im Abendland schon von jeher auch in den tiefsten christlichen Jahrhunderten die Stellung der Frau eine bessere gewesen wäre.
(Es wäre interessant, wo sich das abendländische von arabischen Frauenbild grundsätzlich unterscheidet: Vielleicht ist das erste extremer mit dem gesteigerten Marienkult, es gibt Heilige und Huren. Im zweiten ist die Frau generell untergeordnet)

Wohl aber ist es wichtig wie Alice Schwarzer darauf hinzuweisen, dass es in der islamischen Welt noch enorme Defizite diesbezüglich gibt, die auch bei der Problematik von Migration und Integration berücksichtigt werden müssen. Und deswegen ist es sehr schwach und spielt der Häme von Birgit Kelle in die Hände, wenn Anne Wizorek im SPIEGEL-Gespräch mit Alice Schwarzer lediglich zugesteht, dass in anderen Ländern das Patriarchat durchaus noch stärker ausgeprägt ist als in Deutschland, aber eine weitere Thematisierung des Islam in dem Zusammenhang rassistisch sei. Die Hinterfragung des islamischen Frauenbildes, wie es Alice Schwarzer, Hamed Abdel Samad und Zana Ramadani fordern, wird, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig, den rechten und konservativen Kräften nützen, da es sich zwangläufig gegen jede religiöse Bigotterie richtet. Wenn die Femen-Aktivistin Zana Ramadani hier oder ganz deutlich bei Markus Lanz feststellt, dass die Übergriffe sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun haben, dann wird dies die fortschrittlich motivierte Religionskritik fördern, die selbsternannten Islamkritiker aus national-chauvinistischen und christlich-fundamentalistischen Kreisen aber können damit nichts anfangen, deswegen werden sie sich auf solche Stimmen höchstens nebenbei berufen und ihnen wird dadurch gezeigt, dass sie kein Monopol auf „Islamkritik“ haben. Wenn man sie damit wirklich konfrontieren würde, würde sich zeigen, dass ihre Religionskritik und ihr Einsatz für Frauenrechte nicht so weit gehen kann wie bei Alice Schwarzer, Zana Ramadani und Hamed Abdel Samad, weil sie dann jegliche religiösen und konservativen Strukturen hinterfragen müssten.

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